Liebe Leser!

Andere Themen haben das Denken an Corona minimiert. Die Gottesdienste sind schütterer besetzt. In den letzten Jahren hat man gelernt ohne Kirche vielleicht auch ohne Glauben auszu kommen. Doch die Menschen spüren, dass das <<leben gefüllter ist, wenn Glaube und Gemeinschaft da sind. Ja, beides! Der Dienst vor Gott, der Gottesdienst ist nicht gemeint. Es ist die Gemeinschaft, nennen wir sie "neue Familie", die den Menschen Lebenssicherheit gibt. Da herrscht ein besonderer Geist.

Der Geist des Herrn erfüllt das All mit Sturm und Feuersgluten. Er krönt mit Jubel Berg und Tal, er lässt die Wasser fluten. Ganz überströmt von Glanz und Licht erhebt die Schöpfung ihr Gesicht, frohlockend: Hallelujah!“

Mit der bekannten Melodie ist dieses Gedicht von Maria Luisa Thurmeier mitreißend. Doch ich frage mich, wo können wir dies Gesagte „erfahren“? Dass der Geist Gottes in dieser Welt ist/west/lebt/wirkt ist Glaubensgut, doch nach Pfingsten wird diese Botschaft wieder eingesammelt. Dann ist Fronleichnam, dann Allerheiligen, dann Weihnachten und dann und dann… Dann müssen wir die Briefe des Paulus zur Hand nehmen.[1] Hier lesen wir, dass alle Glaubenden und Getauften den Geist empfangen haben und in ihm rufen: Christus ist der Herr. Auch die unterschiedlichen Charismen (Gnadengaben des Geistes) fügen die Gemeinde zu einem Organismus, einem Körper zusammen. Das greifen wir übrigens in jeder Eucharis­tie­feier auf, wenn der Vorsteher spricht „Durch ihn und mit ihm und in ihm wird Dir Gott, allmächtiger Vater, in der Einheit des Heiligen Geistes, alle Ehre und Verherrlichung.“ Doch darüber habe ich noch keinen Pfarrer predigen hören.
Greift man zum Galaterbrief (5,18), liest man „Wenn ihr euch aber vom Geist führen lasst, dann steht ihr nicht unter dem Gesetz.“ Wie wichtig dieser Satz ist, erhellt der Hinweis auf Jesus. In seiner Lehre vom Berg liest man den fast unauffälligen Satz „Wenn eure Gerechtig­keit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ Was aber ist das „weit größer“? Letztlich werden die Pharisäer und „Schriftler“[2] gelobt. Mit Sicherheit sind sie keine Heuchler. Das, was die Heilige Schrift zu tun fordert, ist auch für uns Christen verpflichtend. Doch das reicht eben nicht!
Wir sollten uns darum bemühen, den Willen Gottes zu erfüllen. Das geschieht nicht nur durch die Beachtung der Gebote. Jesus konnte von sich sagen, „Ich habe eine Speise zu essen, die ihr nicht kennt. Da sagten die Jünger zueinander: Hat ihm jemand etwas zu essen gebracht? Jesus sprach zu ihnen: Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zu vollenden.“ (Joh 4,34f) Genau diesen Gedanken hat Jesus uns mit dem Vaterunser ans Herz gelegt, wenn er uns auffordert, um das tägliche Brot zu bitten. Unser „tägliches Brot“ ist der Wille Gottes!

Die Mitte der „Lehre vom Berg“ (Matthäus 5 – 7) ist das Vaterunser. Die Mitte des Vaterunsers (die 4. von 7 Bitten) ist die Bitte um das tägliche Brot. Wie wichtig Jesus dieses „göttliche“, das andere, Denken war, zeigt der Blick auf die Gleichnisse vom Gottesreich. Es wäre dringend notwendig, den Zusammenhang von Gottesreich, den Gleichnissen und der Speise im Vaterunser, das „übersubstantielle Brot“ („panem supasubstantialis“, „arton epiousios“) hervorzuhe­ben. Auch wenn in der Gebetspraxis angesichts der vielen Hungers­nöte, die „Sattmacher­bitte“ bei den Gläubigen plausibler zu sein scheint.[3] Die Interpretation mit dem „supersub­stan­tiellen Brot“ als de Speise, die auch Jesus täglich zu sich nahm, hat den Vorteil, dass diese Bitte sich als Ableitung aus der vorherigen Bitte ergibt.

Das Vaterunser, das die Gemeinde in jeder Eucharistiefeier vor dem Empfang der „Eucharistie“ betet, verweist die Gemeinde, „die Einheit im Heiligen Geist“ auf Jesus, dessen Speise es war und ist, den Willen dessen zu tun, der ihn gesandt hat. Die Gemeinde ist ja nach Paulus der mystische Leib Christi („corpus Christi mysticum“ 1Kor 12,13) oder noch anschaulicher mit Hermann-Josef Venentz „der leibhafte {fortlebende] Christus“[4]. Dieser fortlebende Christus muss den Willen Gottes in diese Welt tragen/umsetzen! Dem Zeugnis des Markus zufolge hat Jesus den gleichen Gedanken, den Gedanken von der neuen Familie, Mk. 3,31-35: „Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben draußen stehen und ließen ihn herausrufen. Es saßen viele Leute um ihn herum und man sagte zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und suchen dich.  Er erwiderte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“
Die eucharistische Frömmigkeit unterschlägt diesen Gedanken. Die Attribute, die der eucharistischen Gemeinde zukommen, „objektivieren“ wir. Wir brauchen hier eine „kopernikanische Wende“!
Wir empfangen, was wir sind! Der Leib Christi! Deswegen heißt es ja auch: „Nehmt und esset, das ist mein Leib!“ Das Essen gehört wesentlich zur Eucharistiefeier dazu. Es heißt nicht, ihr könnt oder sollt anbeten. Die Anwesenheit Gottes ist nicht im Brot, nicht im Priester, sondern in der Gemeinde, in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Wie heißt es in der Doxologie (im Rühmen der Herrlichkeit Gottes) der heiligen Messe:
„Durch ihn {Christus] und mit ihm und in ihm ist dir, Gott, allmächtiger Vater, in der Einheit des Heiligen Geistes alle Herrlichkeit und Ehre jetzt und in Ewigkeit.“

 


[1] Für das Folgende „Bibel und Kirche“ 2/2021: Gottes Geist – unverfügbar. Eine biblische Spurensuche.

[2] Eckhard Nordhofen

[3] Zu dem Gedankengang: Eckhard Nordhofen, Corpora, Herder ²2009, Seiten 229 - 256

[4] Hermann-Josef Venentz, So fing es mit der Kirche an, Benzinger 4.Aufl. 1990, Seite 132

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Wollen Sie Kontakt mit mir aufnehmen? Ich habe auf dieser Homepage nicht nur viele Vorträge festgehalten, sondern jetzt auch meine theologischen "Nachtgedanken" festgehalten. Darin wird auch deutlich, wie ich mir Kirche vorstelle. Die Volkskirche ist ein "Dinosaurier", der mit dem Anliegen Jesu recht wenig zu tun hat. Die Corona-Zeit hat aufgedeckt, dass wir einen neuen Ansatz brauchen.

Gebet

Atme in mir, Heiliger Geist, dass ich Heiliges denke!
Treibe mich, Heiliger Geist, dass ich Heiliges tue!
Locke mich, Heiliger Geist, dass ich Heiliges liebe!
Stärke mich, Heiliger Geist, dass ich Heiliges hüte!
Hüte mich, Heiliger Geist, dass ich Heiliges nimmer verliere!
Amen.
                         Aurelius Augustinus

 

 

Beachten Sie!

Aus der Zeit der Bibelvorträge habe ich mich verabschiedet. Die schriftlichen Gedanken, insbesondere die "Theologischen Überlegungen" zeigen auf, wie ich mir die Zukunft der Kirche vorstelle.